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Sprache & Literatur

Lokum an den Fingern

Eine(r) von vielen - Eine Kolumne von Yasmin Polat
Der Stoff hat feine Härchen, die im Licht der Sonne aufrecht stehen. Die Streifen, die sich über seine Hose ziehen, sind grün mit blauen Rändern. Er trägt eine Brille, die sich mit gebogenen Bügeln über seine Ohren gelegt hat. Die Sonne scheint durch das Fenster auf ihn, er sitzt entgegen der Fahrtrichtung. Landschaften, wie sie überall vorkommen, ziehen an ihm vorbei.

An seinen Fingerspitzen ist weißer Puderzucker. Er liebt Lokum, diese klebrige Süßigkeit aus Zucker und Stärke. Ewigkeiten können vergehen, während er darauf herumkaut. Er hatte es das erste Mal gegessen als er sechs Jahre alt war. In seiner Stadt als er auf einem Stein saß um die Ecke von seinem Zuhause. Lokum ist sein Kryptonit. Vor ihm, auf den immer viel zu kleinen Tischen in der Bahn, liegt jetzt eine solche Lokum-Schachtel, deren Inhalt er zu drei Vierteln aufgegessen hat. Mit seinen Puderzucker-Fingerspitzen zupft er sich dann und wann Fussel von der Stoffhose. Auf seinen Knien liegt ein Buch.

Gedanken wie Fliegen

Ab und zu schaut er in das Buch, dann wieder aus dem Fenster. Sein Kiefer bewegt sich, das Lokum schmeckt ihm. Er kaut gern auf Dingen herum, wälzt sie gedanklich hin und her. Er macht sich gern so viele Gedanken, dass seine Stirn schon etwas geflohen ist. Sie sitzt jetzt etwas weiter hinten, wo vorher seine Haare waren. Er fasst sich mit der rechten Hand an die glatte Stelle: Es dauert nun vier Sekunden, bis er das erste Haar spürt. Aber es ist noch da, schwarz wie jeher. Seine Frau hingegen ist gegangen.

Sie konnte die ständigen Gedanken nicht mehr ertragen, die um ihn wie lästige Fliegen kreisten. All diese Gedanken, die tiefe Falten in das Sofa und seine Stirn schlugen. Es machte ihn unfrei, er war in seiner eigenen Stirn gefangen. Sie wollte lachen, fröhlich sein und bei Gott, sie hasste Lokum. „Esraaa“, sagte er dann wehleidig. „Esra, ich kann gerade nicht“. In der Anfangszeit hatte sie den Puderzucker an seinen Fingern geliebt. An einem frühen Sommertag im letzten Jahr wollte sie ihm fast die Finger abhacken. Aber sie liebten sich. Daran verschwendete sie komischerweise keinen Gedanken.

Was war passiert?

Trotzdem ging sie an einem Tag im März. Ihren „Philosophen“, wie sie ihn halb liebevoll, halb abwertend nannte, ließ sie zurück. Wo sie hinging, weiß keiner. Er dachte darüber nach, woran das gelegen haben könnte. Er denkt bis heute darüber nach.

Er seufzt etwas und legt seine zuckrigen Finger auf den Buchrücken, schaut aus dem Zugfenster. Seine Stoffhose legt sich in Falten, passend zu seiner Stirn. Was war nur mit Esra passiert? Und warum kam er nicht darauf? Er musste nochmal in Ruhe darüber nachdenken. Also Buch zuklappen, Hände an der Hose abstreifen, Blick aus dem Fenster. Nochmal von vorne.

Unser Reisender hier liest „Der Zahir“ von Paulo Coelho. In dem Buch verlässt Esther den Protagonisten. Trotzdem merkt unser Reisender nicht, dass dies auch seine Geschichte ist.

Credits:
Illustration: Miriam Jacobi

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