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Kunst & Design

ğ – queere Formen migrieren

Interview mit den Kuratoren Emre Busse und Aykan Safoğlu

In der Mitte des Raumes hängt eine Installation von Viron Erol Vert, eine Mischung aus Bondage-Schaukel und fliegendem Orientteppich. Eine Fusion, die das Thema der ganzen Ausstellung visuell  auf den Punkt bringt. Man möchte sich direkt hineinlegen und mitschwingen.

Die neue Sonderausstellung ğ – queere Formen migrieren im Schwulen Museum in Berlin-Schöneberg befasst sich mit Lebenserfahrungen queer-migrantischer Menschen und erzählt so ein Kapitel der Berliner Kulturgeschichte, der in dieser Kombination noch nicht viel Aufmerksamkeit erhielt. Das Projekt von Emre Busse und Aykan Safoğlu beherbergt Künstler aus mehreren Generationen, mit Werken von 1997 bis 2017, die sich zwischen der Türkei und Deutschland bewegten und bewegen.

Nicht nur die Werke selbst, sondern auch die Details der Ausstellung und die bewusst hergestellten Querverbindungen erzählen Geschichten. So wurde, wie Emre uns erzählt, ein Untergrund gewählt, der die Fußabdrücke der Besucher sichtbar werden lässt, so wie Menschen sie in der Welt hinterlassen, wenn sie migrieren. So auch Cihangir Gümüştürkmens Portrait von Fatma Souad, Gründerin der schwul-lesbischen Oriental-Partyreihe Gayhane des Kreuzberger Clubs SO36. Die strahlende Dragqueen hängt im Raum nicht zufällig gegenüber dem Video von Ayşe Erkmens Am Haus Installation. Denn genau dieses Gebäude steht auch im realen Leben in der Oranienstraße gegenüber dem SO36.

Der Blick fürs Detail, ein Gespür für Ästhetik und die mediale Vielfältigkeit machen diese Ausstellung zu einem bleibenden Event, das ein kleiner Meilenstein in der Berliner Kunstszene werden könnte. Der Titel queere formen migrieren ist hier keine These, sondern kommt wie ein Statement daher, so als würden diese beiden Attribute hier schon immer ganz selbstverständlich Hand in Hand gehen.

Emre, Aykan, wo seid ihr euch das erste mal begegnet?
E: Wir trafen uns 2010 in Istanbul, als ich als Assistent eines Regisseurs arbeitete und Aykan Teil einer Gruppenausstellung war. Eine Weile später, nachdem ich seine Werke sah, wollte ich ihn unbedingt kennenlernen. Ich nahm Kontakt auf und wir begannen direkt über kollektive Projekte zu sprechen. Im Zuge dieser Pläne wurden Aykan und ich Freunde.

Was war zuerst da, die Kunst oder das Konzept?
E: Wir hatten das Konzept zuerst ausgearbeitet. Wir fanden, es war einfach an der Zeit, dass so etwas hier in Deutschland passiert. Obwohl ich keinerlei Erfahrung als Kurator hatte, bat das Schwule Museum mich, eine Show für das Haus zu machen. Also dachte ich: Okay, das ist die Chance. Diese Menschen sind seit fünfzig Jahren Teil dieses Landes, und es hat noch keine Ausstellung über die Migrationsgeschichte von LGBT+-Menschen in Deutschland stattgefunden.

Aber wir wollen nicht so didaktisch vorgehen, deshalb zeigen wir zeitgenössische Kunstwerke und bereichern das Konzept mit einem breiten Rahmenprogramm.

Außer, dass dieser türkische Buchtabe von vielen Deutschen immer noch falsch ausgesprochen wird. Was genau ist die symbolische Funktion des  ğ / yumuşak g (weiches g  – Anm. d. Red.) in diesem Projekt?
E: Es ist eine unaussprechliche Metapher, wie ein Gefühl, ein Geruch oder eine Stimmung. Dieser Buchstabe kann uns helfen, Bilder zu transkribieren. So werden wir am Ende selbst zu diesem Vokal.

A: Der Buchstabe ist marginalisiert, obwohl er eine Grundfeste im türkischen Alphabet ist. Er hilft anderen Buchstaben zu klingen, und wird doch selbst immer vernachlässigt.

E: Und darüber hinaus beinhalten sowohl Aykans als auch mein Nachname das weiche g. Die Namen kommen von unseren Vätern und gaben uns die Chance, damit zu spielen. Im türkischen Slang kann es auch eine schwule Person als Schwuchtel beschreiben, in einer humorvollen und zugleich demütigenden Weise.

Inwiefern ergänzen die Veranstaltungen die Ausstellung?
E: Es belebt die Kunst mit historischem Kontext, Kommunikation, Performance und Diskussion. Unsere Aufgabe war es, die Kunstwerke herzubringen. Die Gäste haben nun die Chance, persönlich mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus wird zum Beispiel Aktivistin Ebru Kırancı oder Autor Cem Yildiz mit seinem Buch Fucking Deutschland: Das letzte Tabu oder mein Leben als Escort vor Ort sein. Und wir werden Kuratoren der Istanbuler Biennale zu Gast haben, um über die Kunst-Praxis in der Türkei zu sprechen.

A: Es ist ein Ausstellungsformat, das versucht, eine Diskussion anzuregen. Für mich als praktizierender Künstler sind diese Events vor allem Plattformen, um einen Austausch zu erzeugen, sei es über Form, den künstlerischen Ansatz oder das politische Geschehen. Dieses Projekt ist aufgeladen mit einer Message; die Künstler sind alle laut und schreien quasi ihre eigene Agenda über ihre Werke in die Welt. Am Ende ist das nur ein kleiner Anfang. Vielleicht muss dieses Projekt zuerst überwunden werden, um es dann einige Jahrzehnte später wirklich aufzuarbeiten.

E: Diese Ausstellung ist in erster Linie ein Potenzial, in der deutschen Gesellschaft einen neuen Dialog zu suchen. Es würde mich freuen, andere Projekte zu sehen, die sich davon inspirieren lassen und sich auch auf diesen Teil deutscher Geschichte fokussieren.

Was hat dich bei der Vorbereitung dieser Ausstellung am meisten bewegt?
E: Die Freundschaft, die hier entstanden ist, und das Vertrauen der Künstler berühren mich sehr. Es gibt mir die Möglichkeit, noch einmal anders über Migration nachzudenken. Und das nicht nur als Kurator, sondern auch als Mensch.

In eurem Pressetext heißt es: „Sie (die Ausstellung – Anm. d. Red.) spürt einem für Berlin typischen, queer-migrantischen Gemütszustand nach.“ Wie genau äußert sich das für euch im Vergleich zu anderen europäischen Städten?
E: Als ich in Weimar Film an der Bauhaus-Uni studierte, fühlte ich weder einen queeren noch besonders multikulturellen Vibe. Ich traf viele junge Studenten, aber sie kamen und gingen wieder zurück. In Berlin kann man die Migrationsgeschichte an jeder Straßenecke fast riechen.

A: Und du kannst es dir noch leisten, an zentralen Orten zu leben. Das gibt auch Migrationsgemeinschaften die Chance, die Stadt eher zu erschließen als anderswo. Zum Beispiel ist Amsterdam für mich eine ziemlich geteilte Stadt mit einem Kern, der meist nur aus einem weißen, bürgerliches Milieu besteht. Und wir können das Gleiche über Paris oder Stockholm mit ihrer jahrzehntelangen Gentrifizierung sagen. Die unglückliche Trennung der Stadt, die Berlin durchmachen musste, hat jedoch unterschiedliche Perspektiven von städtischem Leben kreiert. Und das Schwule Museum befindet sich hier in Schöneberg, wo die große Migration in den 80er-Jahren unter anderem ihren Anfang nahm. Und heutzutage bietet es mit das größte Nachtleben der LGBT+-Szene in der Stadt. Das macht die Stimmung so besonders hier.

Könnt ihr euch vorstellen, so etwas derzeit auch in der Türkei zu organisieren?
A: Wieso nicht. Es gab immer schwierige Zeiten in der Türkei, denn die Zensur ist niemals ganz verschwunden, auch nicht nach dem Ende des Militärstaats. Und es kann in zehn Jahren noch einmal ganz anders werden, wer weiß. In allen Jahrzehnten steckte jedenfalls schon die Absicht, sich zu befreien. Zum Beispiel in den 90er-Jahren, als der Krieg gegen das kurdische Volk auf seinem Höhepunkt war, erinnere ich mich an die Aufführung einer kurdischen Künstlerin. Sie kam nackt in eine Ecke des Raumes. Sie saß nur eine Weile in der Hocke da. Nachdem sie gegangen war, sahen wir, dass sie etwas Menstruationsblut auf dem Boden hinterlassen hatte. Kannst du dir das in diesen Zeiten vorstellen? Also ich würde sagen, dass Kunst auch unter solchen Umständen machbar ist.

Hier findet ihr das gesamte Programm der Ausstellung

 

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