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Reisen

Falım im Kühlschrank

Eine Reise nach Izmir

Es ist Anfang Juni 2014, ich bin fünfzehn. Es ist heiß, dreißig Augenpaare verfolgen gebannt die Zeiger der Uhr, die an der pissgelb gestrichenen, mit Kritzeleien und Flecken von vierzig Schülergenerationen beschmutzten Wand neben dem Kreuz hängt. Dreizehn Uhr zwölf. Frau Ritter scheint einfach nicht aufgeben zu wollen, sie referiert unermüdlich über die Französische Revolution. Selma sitzt neben mir, sie schreibt etwas auf einen Zettel und schiebt ihn mit verschwörerischem Grinsen zu mir rüber. „Canım! Nur noch neunzehn Stunden und dreiunddreißig Minuten!“ Ich lächle sie an, es wird endlich wahr.

Shisha-Jungfrau

Als es läutet, haben alle es gleichermaßen eilig, ihre Hefte und Bücher in die Rucksäcke zu werfen, es sind Ferien! Dieses Gefühl wird nie alt. Wir rauchen betont cool eine Zigarette vor dem Schulgebäude, dann verabschiede ich mich von der Gruppe. „Tschüss, Shisha-Jungfrau, schöne Ferien!“ ruft mir Damla hinterher. So nennen mich meine türkischen Freundinnen, weil ich bei jedem Zug aus der Wasserpfeife furchtbar husten muss. Sie hingegen haben das Paffen perfektioniert. Selma und ich umarmen uns, sie drückt fest meine Hand, ihre Augen glänzen vor Vorfreude.

Kiss Kiss

Meine Mutter fährt uns am nächsten Tag mit dem Auto zum Münchner Flughafen, Selma und ich sind über die Maßen aufgedreht und singen lautstark Kiss Kiss von Tarkan. Den Songtext hat sie mir beigebracht, ich habe ihn in improvisierter Lautsprache in mein Hausaufgabenheft geschrieben und immer wieder durchgelesen. Meine riesige Reisetasche hat Übergewicht, ich lasse schweren Herzens ein paar Bücher und Kleider bei meiner Mutter zurück. Dann geht es los.

Das erste Treffen

Am Flughafen von Izmir holt Babaanne uns ab. Ich habe so viele Geschichten über sie gehört, dass es mir so vorkommt, als würde ich eine alte Bekannte wieder treffen. Güler ist knapp über siebzig, sie trägt unzählige Ringe, Armreifen, Ketten, Broschen und Klammern, alles an ihr scheint zu glänzen und zu glitzern. Selma und sie umarmen sich fest, ich will ihr die Hand geben, aber sie zieht mich gleich zu sich und drückt mich an sie. Sie riecht stark nach Parfüm und ist etwas kleiner als ich. Wir fahren mit dem Bus in die Stadt. Babaanne spricht sehr gut Deutsch, sie hat schließlich einige Jahre in Deutschland gelebt.

Dann hat sie das Meer vermisst. Und zu sauber war es ihr auch irgendwie, sagt sie.

Stadt am Meer

Ich mag Izmir von Anfang an. Die Uferpromenade, das glitzernde Wasser, die Möwen, die so knapp an den Köpfen der Leute vorbeifliegen. Es wird langsam Abend, als wir in Gülers Wohnung ankommen, der Himmel färbt sich rosaorange. Sie wohnt im fünften Stock, einen Aufzug gibt es nicht und es hat noch immer über dreißig Grad. Drinnen wartet Tamer auf uns, Selmas Onkel. Er ist um die vierzig und schwer geistig behindert. Als er uns sieht, lacht er und gibt uns jeweils einen Kuss auf die Wange.

Dann stellt er uns Hausschuhe vor die Füße, das scheint ihm wichtig zu sein.

Cacık, Çekirdek und Çay

Babaanne hat gekocht, etwas ganz Besonderes, erklärt sie stolz. Eigentlich bin ich Vegetarierin, aber es war im Vorhinein klar, dass ich in der Türkei Fleisch essen würde. Ihre Oma koche fast nie vegetarisch, hat Selma mir erklärt. Und ich will ja auch alles ausprobieren und kennenlernen. Es gibt Hühnerherzen. Ich will höflich sein, setze mich an den dunkelsten Platz am Esstisch, Selma sieht mich entschuldigend an. Die Hühnerherzen schlucke ich im Ganzen herunter, ohne hinzusehen, und nehme immer einen großen Löffel Cacık hinterher. Nach dem Essen trinken wir Çay auf dem Balkon, Selma und Babaanne verrühren jeweils vier Zuckerwürfel in den kleinen Gläsern. Vier! Wir essen Sonnenblumenkerne, die Schalen spucken wir nach unten auf die Straße, auf der noch immer viele Autos mit voll aufgedrehten Radios und Passanten unterwegs sind. Als der Muezzin zum letzten Gebet ruft, gehen wir ins Bett.

So hübsche Mädchen

Am nächsten Morgen schickt Babaanne uns raus:

„Geht Simit kaufen, kızlar!“

Die Straßen sind ein einziges Gewusel, es ist schon wieder brütend heiß. In der Bäckerei bestelle ich auf Türkisch, Selma hat mir genau vorgesprochen, was ich sagen soll. Stolz trage ich die Tüte mit den Sesamkringeln nach Hause. Das Frühstück ist üppig und sehr lecker, es gibt Menemen, Tomaten, Oliven, Käse, Çay und Gebäck. Güler will mit uns auf den Bazar gehen. Kaum haben wir die Wohnung verlassen, ruft uns jemand aus dem Reisebüro auf der anderen Straßenseite zu. Wer denn diese hübschen jungen Mädchen seien? Wir trinken einen Çay mit dem älteren Herrn, Güler stellt uns vor und ich werde die paar türkischen Floskeln los, die ich schon sagen kann. Wieder draußen auf der Straße schaffen wir es ganze zehn Meter, die Dame aus dem Frisörgeschäft lädt uns auf Baklava ein. Und so geht es weiter, wir brauchen fast zwei Stunden, bis wir am Bazar ankommen, sind vollgefressen und zittrig von all dem Schwarztee.

Geiz und Großzügigkeit

Babaanne besteht darauf, uns beiden Unmengen von Schmuck und Klamotten zu kaufen, und zusätzlich nehmen wir noch Kleidung für Selmas kleine Schwester Yasmin mit. Lediglich das allerschlimmste, T-Shirts mit Katzengesichtern darauf, können wir verhindern und kommen voll bepackt wieder zu Hause an. Selma lacht nur und sagt: „Babaanne ist in manchen Dingen extrem geizig, aber bei den richtigen Sachen unfassbar großzügig.“ Bald weiß ich, was sie meint.

Als ich den Kühlschrank aufmache, sehe ich im Eierfach ungefähr zehn kleine weiße Kügelchen. Irritiert frage ich Selma in einer ruhigen Minute, was es damit auf sich hat. Wieder muss sie lachen und erklärt, dass Güler es sich angewöhnt hat, die sowieso schon extrem geschmacksneutralen Kaugummis der Marke Falım nach einer Weile des Kauens im Kühlschrank zu lagern, um sie später wiederzuverwenden. Um zu sparen. Ein paar Tage später kommt Babaanne frühmorgens komplett verschwitzt zu Hause an und schleppt eine Großpackung Kernseife unter dem Arm. In ihrem Alter sechs Kilo Seife in den fünften Stock zu tragen, ist alles andere als ein Kinderspiel. Ist aber günstiger so.

Leichtigkeit

Wir verbringen fast jeden Tag mit Deniz, Manolya und Ilknur. Es liegen viele Jahre Altersunterschied zwischen den Dreien, die Jüngste ist fünfundzwanzig, die Älteste Mitte vierzig, doch sie sind beste Freundinnen. Für Güler sind sie wie Töchter. Gemeinsam sitzen wir am Meer und trinken Çay, alle vier klimpern mit ihren von Schmuck überladenen Armen und sprechen über die nächste Session im Solarium oder die Partypläne fürs Wochenende. Sie alle gehen liebevoll miteinander und mit Selma und mir um.

Mich nennen sie lächelnd „unsere kleine Alman“.

Ich fühle mich einfach nur wohl, da ist keine Heuchelei, keine Falschheit. Nur Freundschaft und eine gewisse Leichtigkeit des Seins.

Ewiger Sehnsuchtsort

In meinem Tagebuch beschreibe ich Izmir so: „Von unserem Balkon aus sehen wir ein kleines Stück Meer, die Luft riecht salzig und der Gesang des Muezzins vermischt sich mit dem Geschrei der Möwen zu einer Musik, die es wohl nur hier so gibt. Man kann hier ohne Geld einkaufen, wenn man gerade keines dabeihat, die Räume riechen nach Mottenkugeln und man kann die Schulmädchen dabei beobachten, wie sie ihre Röcke etwas hochziehen, um mehr Bein zu zeigen.“ Darunter habe ich ein Rezept für Helva, einen extrem süßen Grießbrei, notiert.

Als wir wieder am Flughafen von Izmir sind, mit weit mehr Gepäck als bei der Ankunft, werde ich etwas melancholisch, auch Selma hat Tränen in den Augen, als wir durch den Security Check gehen. Ich weiß jedoch genau, dass ich bald wiederkommen werde. Ich muss einfach. Meine Haut ist braungebrannt, das Haar etwas heller und in meinen Ohren soll noch für lange Zeit das Rauschen des Meeres nachklingen.

 

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