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Bühne & Schauspiel

Çirkin Kral

Das Leben und Wirken Yılmaz Güneys

Die Legende um Yılmaz Güney beginnt bereits zu seinen Lebzeiten zu wirken. Der wohl berühmteste und bedeutendste Mann der türkischen Filmgeschichte brachte es in den 1970ern zu internationaler Anerkennung. 1982 gewann er als erste türkeistämmige Person die Goldene Palme beim Film-Festival Cannes für seinen Film Yol – Der Weg. Doch für diesen Ruhm musste er in der Türkei schwer büßen, mit Verfolgung, Repression und schließlich fast 12 Jahren Gefängnishaft.

Wer war Yılmaz?

Nach Güney zu suchen ist schwierig. Eine Biografie zu rekonstruieren bedeutet all die verschiedenen Eigenschaften, Augenblicke, Erzählungen und Perspektiven zu vereinen. Doch was geschieht, wenn diese Einzelteile und Facetten so unterschiedlich oder sogar gegensätzlich sind, dass dies nicht mehr gelingt? Es entsteht eine Legende. Yılmaz Güney ist nicht auf den Punkt oder in dem Fall auf das Wort zu bringen.

Er war Kurde, Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Ehemann, Vater, politischer Aktivist, Kommunist, Draufgänger, Vorbild, Haustyrann, Häftling, Mörder, Exilant…und schließlich Çirkin Kral.

Der hässliche König, sein Beiname, den er nach seinem gleichnamigen Filmen aus den 60er Jahren erhielt. Der österreichische Filmregisseur Michael Haneke beschreibt daher Güney als eine Konstellation. Die Figur Yılmaz Güney bestehe aus einem absolut ungewöhnlichen Schicksal, einer absolut ungewöhnlichen Persönlichkeit, einer politischen Grundsituation, die nach wie vor in der Türkei aktuell sei, und viel Talent. Eine alternative Beschreibung ist sein Eigenname. Yılmaz bedeutet „der vor nichts zurückweicht“ und Güney bedeutet „der Süden“.

„Yılmaz bedeutet „der vor nichts zurückweicht“ und Güney heißt „Süden“.“

Porträt mit Güneys Mutter.Yılmaz Güney wird 1937 als Sohn kurdisch alevitischer Eltern in Yenice, Adana, mit dem Namen Yilmaz Pütün geboren. Mit neun Jahren beginnt er zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Dabei fährt er mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf, um Filmbänder an die entlegenen Kinos auszuliefern. Das ist sein erster Kontakt mit dem Medium Film. Seine Erfahrungen als Kind bzw. Jugendlicher in dörflich-ärmlichen Verhältnissen aufzuwachsen, sollten für seine späteren Filme eine enorme Rolle spielen. Als er später zum Studieren nach Istanbul reist, lernt Güney dort den Filmemacher Atıf Yılmaz kennen, mit dem er 1958 seine ersten Filme dreht.

Schnell wird Yılmaz Güney landesweit als überzeugender Schauspieler bekannt. Güneys Leistung besteht auch in der Menge der gespielten Filme. So gibt es oft Tage, in denen er die meiste Zeit im Taxi verbringt, da er in vier unterschiedlichen Filmen gleichzeitig vorspielen muss. In der ersten Phase seiner Filmkarriere steht er vor allem vor der Kamera und wirkt in Helden- und Liebesfilmen mit. Als Schauspieler wird Çirkin Kral zu einem elementaren Bestandteil der türkischen Filmkultur.

Güney erlangte in wenigen Jahren Kultstatus in der Türkei.

Nachdem er schon ungefähr in 20 Filmen gespielt hatte, wird er 1961 das erste Mal verhaftet und wird wegen angeblich kommunistischer Propaganda zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Während und nach der Haft beginnt Güney bereits eigene Drehbücher zu entwerfen und Filme zu produzieren. Zusehends ändert sich die öffentliche Wahrnehmung von Güney dem Entertainer zu einem kritischen und linken Intellektuellen, der in seinen Filmen die Realität abzulichten versucht.

Davon abgesehen gibt Güney wegen seiner aggressiven und tyrannischen Art in der Ehe mit der Schauspielerin Nebahat Çehre viel Anlass zur medialen Spekulation. Sie trennt sich 1968 nach nur zwei Jahren Ehe von ihm, nachdem er sie krankenhausreif verprügelt hatte. Seinen internationalen Durchbruch erhält er 1970 mit seinem Film Umut – Hoffnung. Im selben Jahr heiratet er Fatoş, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Zunehmend werden seine Haftaufenthalte häufiger und länger, weshalb Güney aus dem Gefängnis Regie zu führen beginnt.

Nachdem 1971 der israelische Generalkonsul Efraim Elrom durch Mahir Çayan und seine kommunistischen Genossen ermordet wird, versteckt Güney die Flüchtigen bei sich zuhause. Kurze Zeit später fliegt er auf und muss zwei weitere Jahre in Haft. Das andere Mal erschießt Güney in einem Wutanfall 1974 den Staatsanwalt Sefa Mutlu in einem Kasino. Dafür erhält er 19 Jahre Haft. Nach fünf Jahren Haft flieht Güney 1981 ins Exil nach Paris und verstirbt dort nur drei Jahre später im Alter von 47 Jahren an Magenkrebs.

Die Revolution in der türkischen Filmkultur

Bereits Mitte der 1960er Jahre beginnen sich in der Türkei neue cineastische Strömungen zu etablieren. Toplumsal Gerçekçilik (Sozialer Realismus) versucht nach dem Urvorbild des italienischen Neorealismus die Perspektive der „einfachen“ Leute im Film wiederzugeben. Yılmaz Güney wird zu einem Meister darin, das alltägliche Leben dieser Menschen einzufangen.

Güney vermag wie kein anderer die Geschichten von Lohnabhängigen, Bauer*innen, Kurd*innen, Verfolgten und Geächteten darzustellen. Seine eigene Biografie findet sich in seinen Filmen wieder, was auch die große Resonanz seiner Filme in der Türkei erklärt. Denn es sind die Geschichten der Vielen und nicht der Wenigen, die erzählt werden. Armut ist und war kein Einzelschicksal, sondern ein Massenphänomen. Es sind die Stimmen der Marginalisierten, die in den Filmen zu Wort kommen.

Filmszene aus Yol (1982)

Güneys Schaffen ist ein Wendepunkt in der türkischen Filmindustrie, denn es erzählt das Gegennarrativ zu einer erfolgreichen, friedlichen Republik. Sozialkritik ist ein elementarer Bestandteil in seinen Filmen wie Yol („Der Weg“, 1982), der die Geschichten von kurdischen Strafgefangenen erzählt, oder Duvar („Die Wand“, 1984), der die damalige Situation von Kindern und Jugendlichen in Gefängnissen wiedergibt. Doch seine Filme sind nicht wertend, sondern eher beschreibend.

Sein Meisterfilm Sürü („Die Herde“, 1979) kann heute ebenso als eine Dokumentation verstanden werden, die die Themen ostanatolisch-dörflicher Lebensstil, Migration, Modernisierung und Großstadt eindringlich beschreiben. Dabei fällt auf, dass in Güneys Filmen nicht wie vielerorts eine Ästhetisierung von Armut stattfindet. Es wird nichts glorifiziert oder verniedlicht. Dafür steht stellvertretend Umut („Die Hoffnung“, 1970), in der das Leben eines armen Kutschenfahrers mit all seinen Sorgen und Verwirrungen beschrieben wird. Treue Schauspieler sind vor allem zu seiner späteren Schaffensphase keine anderen als Tuncel Kurtiz und Tarık Akan.

Es sind die Stimmen der Marginalisierten, die in den Filmen zu Wort kommen.

Was erzählen uns seine Filme heute?

Ist Yılmaz Güney an der Wirklichkeit gescheitert? Womöglich. Es war dieselbe soziale Wirklichkeit, die er in seinen Filmen dargestellt hat, die ihn selbst verfolgte. Er musste schließlich lange Zeit seines Lebens in vielen verschiedenen Gefängnissen der Türkei ausharren und letztendlich auch ins Exil fliehen, um einige sehr wenige Jahre in Freiheit zu leben. Seine feste Überzeugung an die Revolution hat sich nicht erfüllt.

Viele seiner sozialkritischen Filme waren in der Türkei bis in die späten 1990er Jahre indiziert. Vielleicht ist es diese Mischung von Tragödie und Erfolgsgeschichte, die bis heute in der Legende vom Çirkin Kral weiterwirkt und Menschen fasziniert. Oder es sind die Bilder in seinen Filmen, die uns auf so schonungslose Art und Weise unsere eigenen ignoranten Flecken vor Augen führen. Die leise Vorahnung, die uns beschleicht, dass sich seit damals zu wenig verändert hat.

Bildmaterial mit freundlicher Unterstützung von mitosfilm; unter Anderem aus dem Film DIE LEGENDE VOM HÄSSLICHEN KÖNIG von Hüseyin Tabak.

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