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Sprache & Literatur

Als wir Libellen waren

Der neue Roman von Alpan Sağsöz

Wenn Olivia tanzt, ist sie mit sich und der Welt im Reinen. Doch dann macht sie eine Entdeckung, die ihr den Boden unter den Füße wegzieht: Wer ist wirklich ihr Vater?
Aaron, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, hat in Beruf und Privatleben alles unter Kontrolle – bis ihm ein Zwischenfall zeigt, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. Was fehlt in seinem Leben? Ist es Olivia, die plötzlich auftaucht und seine Tochter sein k.nnte? Wohin wird die Reise führen, zu der die beiden aufbrechen?

Zum Autor

Alpan Sağsöz ist 1973 geboren, lebt in Köln und beschäftigt sich als Familienanwalt häufig mit dem Thema der Vaterlosigkeit und der gesellschaftlichen Rolle des Vaters. In seinem eigenen Leben und in seinen Büchern spielt die Suche nach Identität und Sinn eine zentrale Rolle.

Leseprobe

Als das Flugzeug startete, machte Olivias Herz eine Pirouette. Sie schaute aus dem kleinen Fenster in die große Welt, in die irgendjemand sie ausgespuckt hatte, der irgendwo da unten leben musste. Die Straßen Kölns, in denen sie zuletzt viel unterwegs gewesen war, wurden immer kleiner. Seit ihrem Auszug von Zuhause und dem Einzug bei Malte, hatte sie Karlo einige Male angerufen, ihn ab und an zu einem Kaffee in der Stadt getroffen. Sie hatte ihm erzählt, dass sie noch nicht wisse, was und wo sie studieren wolle, und ob überhaupt. Was man halt so sagt.

Das Flugzeug durchquerte ein dichtes, schneeweißes Wolkenfeld. Sie vermisste Karlo. Aber was das Thema »A. J.« betraf, war er nur eine Randfigur. Selbst wenn er sich als Charakterwrack herausstellen sollte, konnte Karlo ihn nicht ersetzen. Trotzdem, A. J. hin oder her, Olivia wollte erst einmal raus aus allem und war froh, als das Flugzeug nach einem halben Dutzend Turbulenzen endlich zur Landung ansetzte.

Das Zimmer mit der Nummer 34 in dem kleinen Zwei-Sterne-Hotel Miguel war karg, hatte einen Mini-Balkon, und die ockergelben Vorhänge waren steif vor Dreck. Angesichts des versifften hellgrünen PVC-Bodens packte Olivia endgültig das Putzfieber. In einer kleinen Abstellkammer im Flur fand sie, was sie brauchte. Sie schaltete den MP3-Player auf maximale Lautstärke und legte los. Der Wischer wurde zum Tanzpartner, der Schwamm zu einem Mikrofon. Ihr Publikum war Malte, der es sich im Bett mit einem Begrüßungsjoint bequem gemacht hatte und die Vorführung mit seligem Lächeln genoss. Dann war Schluss mit lustig.

»Das ist dein Tanzbereich, kleiner Junkie, und dies hier meiner!«, sagte Olivia in gouvernantenhaftem Ton und teilte ihm seine Betthälfte zu. »Und jetzt steh auf, wir wollen zum Strand.«
Am frühen Abend landeten sie wieder im Bett und schliefen das erste Mal seit Wochen miteinander. Es war kein fulminanter Sex für Olivia (bei dem sie diesmal tatsächlich unten lag), aber sie war erleichtert, sich wieder zu spüren.

In den ersten Tagen machten sie sich einen einfachen Rhythmus zur Gewohnheit: Morgens zwischen neun und zehn Uhr gingen sie um die Ecke ins Madhatters′ und bestellten café con leche, manchmal direkt zum Mitnehmen, mit zwei Croissants. Dann liefen sie durch die kleine steile Gasse zum Strand hinunter. Hier verbrachten sie den Tag. Malte schwamm ziemlich ehrgeizige Strecken im Kraulstil, während Olivia sich meist im Wasser treiben ließ und die Wolkenformationen genoss: Zirrus, Kumulonimbus, Stratokumulus. Alles zog weich und dezent an ihr vorbei in diesen Tagen. Schwereloses Leben, ganz ohne Tanz. Ab und an spielte sie mit Malte Strandtennis oder Frisbee. Mittags aßen sie Obst oder Baguette am Strand und abends gingen sie entweder zum zentralen Platz von San Antonio oder mit einer Flasche Wein an den Strand zurück. Ihr Aktionsradius umfasste maximal zwei Quadratkilometer.

Olivia gefielen vor allem zwei Dinge: erstaunlich wenig kommunizieren zu müssen, und die Einfachheit des Alltags, weit weg von Köln. Sie spürte, dass auch Malte die Zeit genoss. Er brauchte auch nicht viele Worte, und zwischen ihnen herrschte ein fast hellseherisches Einverständnis.
Am vorletzten Abend vor Maltes Abreise zog eine besondere Wolkenformation über Ibiza hinweg: ein sehr langgezogener und perfekt walzenförmiger Stratokumulus. Der Kontrast zum Himmelsblau war atemberaubend. Olivia lag auf dem Strandlaken und sah in den Himmel, der zum Greifen nah schien. »Hey, Oliveta! Was hältst du davon, wenn ich noch etwas bleibe«, sagte Malte plötzlich. »Ein paar Vorlesungen weniger schaden nicht, außerdem bin ich bei einer Frau, die nicht nur sexy ist, sondern auch noch Lust hat, ihre Sexyness in einem schmierigen Hotel mit mir auszuleben, ha!« Er klatschte begeistert in die Hände, als ob er sich zu der eben geborenen Idee applaudieren wollte. Dann schmiss er sich auf Olivias Handtuch.

»Auf keinen Fall«, reagierte sie, noch bevor er sein letztes Wort ausgesprochen hatte. Ihre Stimme klang distanziert. »Malte, … es ist gut, ich bin ein großes Mädchen, werde dir treu bleiben, und du gehst schön wieder zurück in den Hörsaal. Klaro?« Dann bemühte sie sich, etwas charmanter zu sein: »Es war schön hier, schön mit dir … Und ich werde auch sicher nicht mehr so lange bleiben.« Sie schlug ihm auf den Hintern.

»Hm«, machte er, als ob er eine Chance hatte, darüber nachzudenken. Sie packten ihre Sachen und gingen die steile Straße zum Hotel hoch. »Hey, Deutsch, Spanisch, Italienisch oder Swahili?«, fragte ein Mann mit einem schulterlangen schwarzen Zopf im Vorbeigehen. Sein selbstgefälliges Grinsen wirkte nahezu komödiantisch. Malte piekte Olivia mit dem Finger in den Rücken, um sie zum Weitergehen zu veranlassen, aber sie blieb stehen: »Sehen wir so deutsch aus? Wie können wir dir helfen, Cowboy?« »Hey, aus meiner Heimat! Hi, ich bin der Serafin aus München. Also, wollt ihr an einer Verlosung teilnehmen, natürlich umsonst! Es ist gleich um die Ecke. Da kriegt ihr auch Cocktails umsonst!«, sagte er und strahlte die beiden an, als hätten sie jetzt schon im Lotto gewonnen.

»Machen wir es kurz! Was genau willst du? Geht es um so eine Time-Sharing-Kacke?«, zischte Malte. Ich kenne die Tour von `nem Freund. Du bringst uns jetzt in ein Büro und dann labert uns so ein Profi zu, damit wir was unterschreiben, oder?«
Dem jungen Münchner wich plötzlich die Luft aus der muskulösen Brust:
»Na ja, euch wird was Tolles angeboten, neben der Verlosung. Schaut es euch doch mal an.« »Okay, Olivia, lass uns weitergehen, wusst′ ich′s doch – Abzocke«, schloss Malte. »Warte, was kriegst du denn für den Job?«, fragte Olivia ihn plötzlich. »Ich sag′s dir gleich, du kannst es vergessen, dass Malte und ich irgendwas unterschreiben, aber … vielleicht übernehme ich deinen Job. Geht das?«
Malte schaute Olivia mit großen Augen an, zu verdutzt um etwas sagen zu können. Olivia ließ sich von Serafin eine Telefonnummer geben und verabredete sich mit seinem Chef.

Als sie dem aalglatten Typen am nächsten Morgen gegenüberstand, zögerte sie kurz. Aber besser als ein Job in einer Bar erschien ihr dies auf jeden Fall, also willigte sie schließlich ein. Als sie zurück ins Hotelzimmer kam, lag Malte schmollend auf dem Bett. »Olivia, dass ist ein Betrügerjob hoch zehn! Und dieser Typ, Serafin, das ist ein Münchner Schmierlappen. Warum machst du immer so was, warum bist du nicht einfach mal gewöhnlich?! Mit was für einem Gefühl würdest du fliegen, wenn du an meiner Stelle wärst, hm?« »Bitte, Malte, sei nicht sauer, ich lass′ den Job sofort sausen, wenn er wirklich zu fies ist, okay? Und jetzt komm mit, ich habe eine Überraschung für dich!«

Sie schleppte Malte ungeduldig mit vor die Hoteltür. »Eine Enduro! Wo hast du denn die her?!«, rief er und klatschte in die Hände. »Tja, da hinten gemietet, bei 24rent. Und du fährst! … Überraschung!« »Okay, sehr cool! Ich fahre! Aber dieser Job ist trotzdem Mist!«

 

Alpan Sağsöz beim Verlag Schruf & Stipetic

Alpan Sağsöz über Väter, ein Interview auf Youtube

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