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Kunst & Design

Kunst, die unter die Haut geht

Ein Gespräch mit Tattookünstlerin Janna OZ

Es ist ein Dilemma mit Tattoos: Auf der einen Seite sind sie dem Schatten des Knasti-Daseins entsprungen und somit nicht ganz vorurteilsfrei, auf der anderen Seite werden immer mehr Rufe laut, dass das Tattoo zu einem Modeaccessoire verkomme. Somit wird man entgegen dem Wunsch sich von der Masse abzuheben, Teil eines neuen Mainstreams. Doch zwischen Fashiontrend und Knasti-Image bleibt die Tatsache, dass Tätowierungen seit jeher eine gewisse Faszination auf Menschen ausüben. Genau diese Faszination hat auch die Kölner Tätowiererin Nurcan, besser bekannt als Janna Oz, gepackt. Sie ist seit 2006 Tätowiererin. Um sie und ihren Beruf näher kennenzulernen, waren wir zu Gast bei ihr im Studio Santa Sangre in der Kölner Südstadt.

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Liebe Nurcan, was bedeutet das Tätowieren für dich?

Tattoos bedeuten für mich Liebe, Freiheit und Leidenschaft. Sie sind für mich eine Lebenseinstellung. Ein Tattoo ist ein Körperschmuck, der ewig hält. Es kann dich von anderen abheben, eine Zugehörigkeit zu etwas kenntlich machen und deine Geschichte erzählen. Das Tätowieren ist mein Leben. Es ist meine Leidenschaft. Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen. Ich werde auch nie wieder etwas anderes machen.
Mich aber im künstlerischen Bereich auszuweiten, dann schon eher. Das hört sich jetzt witzig an, aber ich mache gerne Bauernmalerei. Ich liebe es, meine Möbel damit zu verzieren. Ich mach alles gerne, was mit Malen und Kunst zu tun hat. Letztens habe ich auch den Motorradhelm meines Freundes bemalt. Ich muss mich austoben, auf Menschen, Möbeln, Leder oder Motorradhelmen. Das macht mir Spaß, das bin eben ich.

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Wann, wie und was war dein erstes Tattoo?

Für Tattoos habe ich mich schon immer interessiert. Mit 16 hatte ich dann endlich mein erstes eigenes Tattoo: Ein Paradiesvogel auf dem Schulterblatt.
Dafür habe ich 360 Mark von meinem Taschengeld gespart, bin dann zum Tätowierer und habe mir etwas von seinen Arbeiten ausgesucht. Das lief damals anders als heute, dich hat keiner nach einer Einverständniserklärung deiner Eltern gefragt. Er hatte verschiedene Motive in verschiedenen Preisklassen an der Wand und ich habe dann das ausgesucht, wofür mein Geld eben gereicht hat.

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Wusstest du schon immer, dass du Tätowiererin werden willst?

Jetzt weiß ich, dass ich nie wieder etwas anderes machen möchte. Dennoch war es ein langer Weg, bevor ich angefangen habe, als Tätowiererin zu arbeiten.
Ich habe zuerst eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht, dann aber schnell gemerkt, dass ich das nicht mein Leben lang machen will. Daraufhin habe ich eine Lehre als Optikerin angefangen. In meiner Ausbildung konnte ich mich kreativ austoben und habe die wildesten Brillen gebaut. Jedoch war nach der Lehre damit Schluss. Denn danach bist du mehr oder weniger für den Verkauf zuständig. Ach ja, und eine Rock ‘n’ Roll Kneipe hatte ich auch. Aber auch die Gastronomie ist nicht mein Fall gewesen. Es war eine tolle Zeit, die ich definitiv nicht missen möchte. Doch ich habe immer gespürt, dass mir die kreative Arbeit fehlt. Zurück in die Gastro zu gehen oder wieder als Optikerin zu arbeiten, kommt für mich deswegen nicht mehr in Frage.

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Wie kam es dann dazu, dass du Tätowiererin geworden bist?

Ich habe schon immer gemalt und gezeichnet. Eigentlich war es ein Freund, der mich auf diese Idee brachte. Er sah meine Zeichnungen und motivierte mich, in diesem Arbeitsfeld Fuß zu fassen. Daraufhin bin ich mit meiner Mappe zu einem Tattoo Studio gegangen und es hat glücklicherweise direkt beim ersten Mal geklappt. Der Studiobesitzer fand meine Zeichnungen gut und hat mich dann ausgebildet. Als ich dann das erste Mal selbst tätowieren sollte, habe ich einen Blackout bekommen. Ich habe eine halbe Stunde bis Stunde gebraucht, um überhaupt die Nadel in die Haut einzuführen. Nach den ersten zwei Zentimetern habe ich alles wieder zurückgelegt und mich im Keller des Tattoo Studios versteckt (lacht). Mein ehemaliger Chef hat den Auftrag übernommen. Zeichnen am Menschen ist etwas ganz anderes. Die Haut arbeitet. Du hast eine dreidimensionale Fläche vor dir, einen Menschen. Du musst je nach Typ mehr oder weniger pausieren. Jeder hat ein anderes Schmerzempfinden. Doch das Wichtigste ist, dass du nicht wie auf einem Blatt Papier deine Fehler weg radieren kannst. Jeder Stich muss sitzen. Der Andere muss ja für immer damit rumlaufen. Dieser Verantwortung muss man sich bewusst sein. Mittlerweile habe ich das natürlich überwunden. Ich tätowiere jetzt schon seit knapp sieben Jahren. Da ist man routinierter.

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Was macht für dich einen guten Tätowierer aus?

Schlecht ist es, wenn du es nur für Geld machst, keine Geduld und Zeit mitbringst. Es ist auch nicht gut, wenn du keine eigenen Motive hast, sondern immer nur alles kopierst.
Gutes Tätowieren ist, wenn du es mit Leib und Seele machst, dir Zeit nimmst und rausfindest, was dein Kunde haben möchte und du dich auf diesen Menschen einlässt. Wenn du eigene Motive hast und ein Gefühl für Licht und Schatten zeigst. Viel wichtiger ist jedoch, dass du ein Gewissen hast und nicht vergisst, dass du diesem Menschen etwas für sein Leben mitgibst. Deswegen gibt es auch Tattoos, die ich nicht mache.

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Was wäre das zum Beispiel?

Ich tätowiere niemanden, der mich schon am Anfang fragt, ob das Lasern weh tut. Ich möchte, dass die Leute sich darüber bewusst sind, dass sie ein Tattoo ein Leben lang an sich tragen. Ich tätowiere auch keine Partnernamen auf die Haut. Das steht für mich irgendwie unter einem schlechten Omen. Einmal habe ich es gemacht, obwohl ich der Sache skeptisch gegenüberstand. Die Frau war zwanzig Jahre mit ihrem Mann verheiratet und wollte seinen Namen in altdeutschen Buchstaben auf ihren Unterarm tätowiert haben. Drei Monate später stand sie bei mir im Laden und erzählte mir, dass ihr Mann sie für eine Jüngere verlassen hat. Sie wollte das Tattoo unbedingt geändert haben. Mit vielen Tricks wurde dann aus „Ralf“ „Real Life“. Irgendwie passte das dann ja auch wieder. Aber seitdem nehme ich Abstand davon und tätowiere keine Partnernamen mehr.

Woran erkennt man ein gutes Tattoo?

Das ist natürlich Geschmackssache. Aber für mich, die selber am liebsten im Old School- oder Neo-Traditional Style arbeitet, sind es diese Art von Tattoos. Da erkennst du das Motiv schon aus der Ferne. Das liegt an der Art der Arbeit. Du arbeitest mit kräftigen und dicken Linien, weniger mit vielen kleinen Details und Schattierungen. Diese Tattoos sind meistens langlebiger. Die Haut lebt und verändert sich über die Jahre, da verändern sich auch Tattoos. Beim Neo-Traditional Style hast du aufgrund der klaren Linien und Strukturen seltener diese Veränderung bzw. Verzerrungen.

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Spielt dein deutsch-türkischer Background eine Rolle als Tätowiererin?

Ob es für andere eine Rolle spielt, interessiert mich eigentlich wenig. Ich möchte, dass meine Arbeit eine Rolle spielt, nicht mein Background. Für mich ist das egal.
Aber es gibt tatsächlich Menschen, die deswegen auf mich aufmerksam werden. Ich habe ein paar türkische Frauen, Stammkundinnen von mir, die im Durchschnitt um die 50 sind. Es sind sechs, sieben Frauen, die entweder gesammelt oder in kleinen Gruppen alle drei Monate zu mir kommen und sich tätowieren lassen. Das fing damit an, dass ich als Erstes eine Freundin von ihnen tätowiert habe. Als ihre Freundinnen das gesehen haben, sind sie auch zu mir gekommen. Bis auf wenige Ausnahmen würdest du ihnen auf der Straße nicht ansehen, dass sie tätowiert sind.

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Credits
Interview: Ahu Gür

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