Talisman auf der Haut: Ein Tätowierer erzählt

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renk. traf Okan Akgöl in Berlin-Schöneweide an der Spree. Mit Freunden lebt und arbeitet er dort in einem Co-Working-Space in riesigen alten Fabrikhallen. Er studiert Produktdesign im Master und tätowiert nebenbei in seinem eigenen Studio. Das hat er selbst designt, gebaut und eingerichtet. Der Raum ist für ihn ein sehr persönlicher Bereich, in dem neben einer Liege, Fotoequipment und vielen Zeichnungen auch sein Plattenspieler und eine kleine Plattensammlung stehen. Am liebsten spielt er Deep House oder Techno. Okan erzählte uns seine Sicht hinter der Nadel.

Orkan Akgöl © Michael Kuchinke-Hofer-01

Wie hast du angefangen zu tätowieren?
Als ich jung war, habe ich meine Kumpels mit Henna tätowiert, wollte aber auch gerne echte Tattoos machen. Aber irgendwie bin ich nicht dazu gekommen, während ich in der Türkei an der Uni war und dann als Produktdesigner gearbeitet habe. Irgendwann hab ich mir dann endlich eine Maschine gekauft und angefangen auf Bananen zu tätowieren, weil man in der Türkei nicht so einfach Schweinehaut findet, an der man normalerweise übt. Bananen funktionieren fast genauso gut. Das Ziel ist ja, dass du ein Gefühl dafür bekommst, was die Nadel und die Maschine auf dieser Ebene machen. Später konnte ich dann auf Freunden üben. Vor drei Jahren bin ich nach Berlin gekommen und habe hier für eine Weile in einem Tattoo Studio gearbeitet. Jetzt arbeite ich selbstständig.

Gefällt es dir in Berlin?
Es gefällt mir sehr, deswegen bin ich hier. Als ich das erste Mal hier war, bin ich aus dem Bus gestiegen und die Luft kam mir einfach so bekannt vor. Ich kenne auch andere Städte in Deutschland, aber die finde ich zu sauber und ordentlich. Hier habe ich mich überhaupt nicht fremd gefühlt, die Atmosphäre erinnert mich an Istanbul. Und die Leute sind sowieso abgefahren in Berlin.

Orkan Akgöl © Michael Kuchinke-Hofer-11
Orkan Akgöl © Michael Kuchinke-Hofer-06

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Mein Stil ist sehr abstrakt und grafisch, aber ich mache es eigentlich gern im Freestyle, so wie ich gerade Lust habe. Die grafische Seite kommt vom Produktdesign, glaube ich. An der Uni durften wir mal zwei Jahre keinen Rechner benutzen und mussten stattdessen viel zeichnen.

Du bist selbst auch tätowiert. Ist ein Tattoo einfach Körperschmuck oder steckt da noch mehr dahinter?
Hinter einem Tattoo steckt immer etwas Persönliches, eine Verbindung. Nicht für alle natürlich, aber für mich. Meistens erzählen meine Tattoos eine Geschichte. Tattoos sind wie Talismänner. Ich mag meine Kunden und wenn die Energie stimmt, dann mache ich Tattoos wie Rituale. Ich fange mit Musik an, die Musik muss passen. Dann fange ich an zu zeichnen. In meinen Zeichnungen gibt es immer so Linien und Punkte, die Verbindungen herstellen. Ich sage den Leuten dann, wenn es ihnen schlecht geht und sie auf diesen einen Punkt gucken, dann geht es ihnen wieder gut. Damit sie eine schöne Erinnerung haben.

Sein erstes eigenes Tattoo stach ihm ein Freund in Istanbul, der ihm auch das Tätowieren zeigte.
Sein erstes eigenes Tattoo stach ihm ein Freund in Istanbul, der ihm auch das Tätowieren zeigte.

Was ist die größte Angst eines Tätowierers? Hast du Angst etwas zu versauen?
Jemandem weh zu tun. (Lacht) Nein, also am Anfang hatte ich Angst davor, aber jetzt nicht mehr. Wenn man Angst hat, sollte man nicht tätowieren. Und ich lerne meine Kunden vorher auch immer gut kennen, wir werden schnell Freunde. Dann ist es wahrscheinlicher, dass das Tattoo zum Typ passt und gefällt. Ich möchte natürlich nicht, dass es irgendwelche gesundheitlichen Folgen gibt, wenn zum Beispiel der Kunde Medikamente nimmt und das nicht sagt, oder auf die Farbe nicht gut reagiert. Aber an sich habe ich keine Angst. Ich glaube, dass etwas auch gerade dann eintritt, wenn man zu viel Angst davor hat. Bisher ist zum Glück nie etwas passiert.

Du kommst ja eigentlich aus der Designbranche. Würdest du dich als Künstler sehen oder als Designer oder Dienstleister?
Künstler sein ist nicht so einfach finde ich, das braucht immer Zeit. Aber ich hoffe, dass ich mich irgendwann Künstler nennen kann. Was ich im Design mache, ist auch eher Kunst als Design.

Machst du auch andere Kunst?
Ich mache noch Skulpturen. Bisher aus Epoxy, Holz, Ton oder Metall. Ich hab zum Beispiel für einen Weihnachtsmarkt zwei große Hirsche aus Holz gebaut und für meinen Geburtstag einen großen Wal, acht Meter lang war der. Den musste ich leider wieder zerstören, weil es hier keinen Platz dafür gab. Und für ein Festival habe ich mal eine sieben Meter lange Giraffe gebaut, in der die Leute sitzen konnten.

Zwei kleine Fragen zum Schluss. Rakı oder Bier?
Rakı. Aber nicht immer.

Bepanthen oder Vaseline?
Vaseline auf keinen Fall. Bepanthen, Tattoo-Creme oder sogar fast nichts. Aber es ist schon besser, wenn die frisch gestochene Haut nicht austrocknet.

Orkan Akgöl © Michael Kuchinke-Hofer-02

Credits
Text: Regina Wiebe
Fotos: Michael Kuchinke-Hofer

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