Schäm dich!

Wenn man die eigene Wahrheit ausspricht und lebt.

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Falls du schon einmal von Familie, Verwandten oder Freunden zu hören bekommen hast, dass etwas, das du tust, sagst, trägst oder glaubst “ayıp” (dt.=eine Schande) sei, dann solltest du das hier auf jeden Fall lesen. 
Vielleicht hast du dieses Wort selbst schon einmal verwendet? Dann ist es umso wichtiger, dass du weiterliest.

Ich erinnere mich daran wie sich dieses Wort, als ich jünger war, wie ein Virus in mein Leben geschlichen hat. Plötzlich war es da, wie ein Muttermal, das man erst neu entdeckt hat. Das erste Mal als mir gesagt wurde, dass etwas “ayıp” sei, war in meiner frühen Jugend. Als ich begann mich in eine Frau zu entwickeln, änderten sich plötzlich viele Dinge. Abgesehen von der Tatsache, dass mein Körper sich anfing zu verändern, verwandelte mich die Pubertät auch noch in eine der womöglich schwierigsten und verwirrtesten Teenagerinnen. Zunächst einmal möchte ich euch einen kurzen Einblick in meine Kindheit und Jugend gewähren.

Fast wie Freiheit

Ich muss sechs Jahre alt gewesen sein, als ich das erste Mal von einer Freundin zum Übernachten eingeladen wurde. Meine beste Freundin während meiner gesamten Kindergarten- und Grundschulzeit war Nadine. Ein deutsches Mädchen mit wunderschönem glatten langem Haar und blauen Augen. 
Nadines Mutter war, genauso wie meine Mutter, alleinerziehend. Nadine hat keine Geschwister, ich habe einen älteren Bruder. Nadines Mama hatte einen Freund, meine Mama hatte meinen Vater, aber hatte ihn auch nicht, denn er war nicht da. Ich liebte es zu Nadine nach Hause zu gehen. Sie hatte eine Katze, ein riesiges Zimmer, ein Himmelbett und sowohl eine Baby Anabelle Puppe, eine Baby Born als auch alle möglichen Variationen von Barbiepuppen und Polly Pockets… Falls du keine Ahnung hast wovon ich spreche, stell’ dir einfach ein Spielzeug Paradies für ein kleines Mädchen vor.

Meine Einladung sorgte für viel Aufregung in meiner Familie. Insbesondere zwischen meiner Mutter und meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter, der selbst zwei Töchter in meinem Alter hat. Meine Mutter war fest entschlossen meinem Bruder und mir, trotz und gerade weil unser Vater nicht anwesend war, das bestmögliche Leben zu bieten, was so viel bedeutete wie: uns uneingeschränkt das zu geben, was andere Kinder auch bekamen. Da andere Kinder bei Freunden übernachten durften, durfte ich das auch. Mir etwas derart Außergewöhnliches wie eine Übernachtung zu erlauben, erfüllte sie mit Stolz. Warum fühlte sie sich stolz? Weil das nicht einfach irgendetwas war, das die Leute ihren Kindern erlaubten. Zumindest die meisten Türken nicht. Tatsächlich war ich das einzige Mädchen aus unserer Community, die bei Freunden übernachten durfte.

Illustration: Seda Demiriz

“Wenn du sie bei ihrer Freundin übernachten lässt, dann wird sie das immer tun wollen.”

Bis ins Teenager Alter verstand ich dieses Argument meines Onkels nicht und warum das ein Problem sein sollte. Als ich mit sechs bei meiner ersten Übernachtung war, hätte ich mir niemals vorstellen können, wie anders so eine “Übernachtung” im Alter von vierzehn, sechzehn und siebzehn Jahren aussehen würde. Ich glaube im Nachhinein, dass an dem was mein Onkel sagte, etwas dran war. Ja, die Tatsache, dass mir Übernachtungen erlaubt wurden, gab mir den Freiraum ohne des Wissens meiner Mutter, Dinge zu entdecken. Habe ich bis 5 Uhr morgens zu N*Sync und Britney Spears getanzt und gesungen? (12 Jahre alt) Ja, habe ich. Sind wir bei Übernachtungspartys ewig lange wach gewesen um über das Leben, Schmerz, Tod, Verlust, Hoffnung, Träume und Geister zu reden und dabei einzuschlafen?

(13 Jahre alt) Ja, sind wir. Habe ich mich bei meiner ersten richtigen Party komplett besoffen um mich anschließend aus dem Fenster meiner Freundin zu übergeben? (14 Jahre alt) Ja, habe ich. Habe ich auf dem Netz auf einem Fußballtor geschlafen (nein, es war überhaupt nicht gemütlich) und Sternschnuppen mit meiner besten Freundin angeschaut? (17 Jahre alt) Ja, habe ich. Habe ich mit ‘nem Typen geknutscht? Ja natürlich. Die Liste an Dingen, die ich bei Übernachtungspartys getan habe, ist endlos lang. Die Erfahrungen die ich gemacht habe, sind unvergesslich und die Lektionen, die ich während dieser Zeit gelernt habe, sind von unmessbarem Wert.

Lektionen

Ja, mein Onkel hatte Recht. Das hat die Leine gelockert. Dies erlaubte mir die Dinge zu tun, die meine Mutter niemals gutgeheißen hätte. Im Rückblick, finde ich manche Dinge, die ich als Teenagerin getan habe, auch nicht gut. Aber in den Teenager Jahren geht es genau darum. Zu lernen. Zu experimentieren. Zu leben. Das ist in den meisten Kulturen gesellschaftlich normal und akzeptiert. Einige von euch werden das lesen und denken: Okay, worauf möchtest du hinaus? Das ist doch Alles völlig normal. Aber das ist es nicht. Nicht für jedes Mädchen. Wäre ich gestorben, wenn ich diese Erfahrungen nicht gemacht hätte?

Nein. Ganz bestimmt nicht. Meine Leber und Nieren wären dankbar gewesen, mein Herz und meine Seele aber ganz und gar nicht. Der Kern meines Wesens will wild, unaufhaltbar, frei, voller Leben, Liebe und Lachen sein. Der Kern meines Wesens dürstet nach Abenteuern, Herausforderungen, neuen Gesichtern und Orten, Jede*r, der so ist, weiß wie schmerzvoll das Leben sich gestalten kann, wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich frei auszuleben. Mit Regeln, Grenzen und Einschränkungen.

Es geht hier mehr als nur um eine Übernachtung. Es geht um Freiheit. Darum dein Leben zu leben und eigene Entscheidungen zu treffen, um Unabhängigkeit.

Irgendwann fand meine Mutter heraus, was ich so trieb. Mir war bewusst, dass ich ihr Vertrauen missbraucht hatte. Ich hatte es ausgenutzt, dass sie so locker und nachsichtig mit mir gewesen ist. Nichtsdestotrotz war es der einzige Weg wie ich mein Leben leben konnte so wie ich es wollte. Das Leben, das ich leben will. Hier wird es kompliziert. Das Leben, das ich leben möchte ist frei von Verurteilung, Regeln und unausgesprochenen Richtlinien, Einschränkungen und Scham.
Meine kleine Geschichte von den Übernachtungen ist offensichtlich nur ein kleines Teil eines gigantischen Kuchens, der mein Leben ausmacht.

Illustration Seda Demiriz

Obwohl ich die Freiheit hatte für eine Nacht zu entkommen und diejenige Person zu sein, die ich wirklich war, hieß das nicht, dass ich die Freiheit hatte, öffentlich das zu tun worauf ich Lust hatte. Ruf ist Alles. Es ist Alles für meine Mutter und für meinen Bruder. Und ich brachte unseren guten Ruf in Gefahr. Ich war ein wildes Kind und das war auch schon der Kern des ganzen Problems. Denn, was werden die Leute denken wenn die Tochter von So-und-so ausgeht, trinkt und mit Jungs tanzt?

Schande über sie.

Und hier fangen die Regeln an zu greifen. Im Folgenden würde ich gerne einige Dinge mit euch teilen, die viele türkische Mädchen teilweise bis zum heutigen Tage, nicht tun sollten. Dinge, denen das Umfeld mit Stirnrunzeln begegnet und die den Ruf schädigen.

Ausgehen, wenn Jungs dabei sind
Ausgehen
Die Meinung sagen
Offen über Probleme reden

Kaugummi kauen
Fingernägel lackieren
Alkohol trinken
Kurze Hosen oder Kleider tragen
Enge Leggings tragen
Mit Jungs sprechen, wenn sonst niemand anwesend ist
Bilder von männlichen Freunden posten
Ein unordentliches Zimmer haben
Lesbisch sein
Keinen BH tragen
In einem gewissen Alter noch unverheiratet sein
Alleine reisen
Von zuhause ausziehen
Einen Deutschen heiraten
Dekollete zeigen

Mit einem Rock Fahrrad fahren
Im Ausland leben
in einer anderen Stadt studieren
Laut lachen
Nicht-traditionelles Essen kochen

Dies ist eine Zusammenstellung meiner eigenen Erfahrungen und der Erfahrungen, die einige Leserinnen auch in dieser Form erlebt haben.
Und wenn du das Wort “ayıp” schon mal gehört hast, hast du wahrscheinlich auch schon “utanmıyor musun” (schämst du dich nicht?) gehört.

Sich gesellschaftlichen Normen zu widersetzen, bedeutet oft ein*e Außenseiter*in zu werden. In der türkischen Kultur steht dies im direkten Zusammenhang mit Scham. 
Und Scham steht in Zusammenhang mit Depressionen, Aggressionen, Gewalt, Abhängigkeit, Suizid, Essstörungen und Mobbing. Je schambehafteter bestimmte Verhaltensweisen von der Gesellschaft gewertet werden, desto stärker die Folgen für die Person.

Brene Brown, Psychologin und Professorin an der Universität von Houston, verbrachte mehr als zwei Dekaden damit, Scham und Schamgefühle zu untersuchen. Sie definiert Scham als ein intensives und schmerzhaftes Gefühl, da man glaubt mangel- und fehlerhaft zu sein und deswegen nicht wert sei Liebe oder Zugehörigkeit zu erfahren. Die Überzeugung, dass etwas das man im Leben erlebt, getan oder nicht geschafft hat, uns der Verbindung mit anderen Menschen unwürdig mache.

Lies das nochmal und lass’ es einen Moment auf dich wirken.

Scham ist wie eine Epidemie in unserer Gesellschaft und wir müssen begreifen, wie sie sich auf uns auswirkt. Wie es die Art und Weise wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir arbeiten und einander ansehen, beeinflusst, so Brown.

Text: Gülcin Karakoyun / Illustration: Seda Demiriz

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