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Kunst & Design

Gesicht wahren

Das Fotoprojekt „İnsanlar | People“ über Kunst im Schatten von Repression

Die Dortmunder Künstlerin Alexandra Breitenstein porträtiert in ihrem Projekt „İnsanlar | People“ Kreativschaffende aus Istanbul, deren künstlerische Existenz ein täglicher Kampf ist. Um Anonymität zu gewährleisten, arbeitet sie mit experimentellen, fotografischen Techniken wie Langzeit- und Mehrfachbelichtungen. Denn der Einfallsreichtum vieler Künstler*innen, Student*innen und Aktivist*innen ist von staatlicher und gesellschaftlicher Repression geprägt. Ihr Gesicht zu zeigen wäre gefährlich. Wahren tun sie es über andere Mittel und Wege. Zum Beispiel mit Worten. Eine Serie.

E., Fotografin und Dozentin

Alexandra Breitenstein

Foto: Alexandra Breitenstein

Ich bin Fotografin und Universitäts-Dozentin. Geboren wurde ich im Ausland, aber den größten Teil meines Lebens habe ich in der Türkei, der Heimat meines Vaters verbracht. Seit 1996 lebe ich mit meinem Mann und meinen Kindern in Istanbul. Trotz aller Veränderung der letzten Jahre ist das Leben hier immer noch einmalig. Ich liebe die Türkei. Um zu verstehen, warum bei der letzten Wahl und beim Referendum so viele Leute für Erdogans Partei gewählt haben muss man verstehen, was die eigentlich Türkei ist.

Die meisten Menschen denken, dass ein starker Führer die Konflikte der Türkei händeln könnte.

Ein Land in zwei Welten.

Die Türkei ist weder westlich noch östlich, sie ist genau in der Mitte. Und sie liegt in einer Gegend, die sich zwischen verschiedenen Mächten und Gleichgewichten bewegt, inmitten von Zusammenstössen von religiösen und westlichen Werten. Als eine Stadt, die gleichzeitig auf dem europäischen und dem asiatischen Kontinent liegt sieht man an Istanbul, wie schwer es sein kann, mit einem solchen Identitätskonflikt zu leben. Die meisten Menschen denken, dass ein starker Führer diese Konflikte händeln könnte. Ob er tatsächlich gut oder schlecht für das Land ist, ist für sie nicht relevant.

G., Musikerin und queere Aktivistin

Alexandra Breitenbach

Foto: Alexandra Breitenbach

Ich studiere vergleichende Sprachwissenschaften und französische Literatur. Bis vor Kurzem hatte ich eine Punkband und arbeite immer noch in anderen Musikprojekten und anderen kreativen Sachen wie Fotografie und Malerei. Darüberhinaus bin ich Aktivistin. Während des versuchten Militärputsches war ich in meiner Heimatstadt, zusammen mit meinen Eltern. Wir haben uns das was in Istanbul passierte, im Fernsehen angeschaut. Ich habe mich sehr grotesk gefühlt, wie in einem abgründigem Roman. Es hat mir Angst gemacht, denn es passierte außerhalb unserer Kontrolle.

Etwas, das dein Leben nachhaltig beeinflusst.

Das Ganze wird immer noch als coup d’état (Staatsstreich) gesehen, die Polizei hat die allergrößte Macht. Sie können dich zum Beispiel auf der Straße anhalten und nach deinen Papieren oder irgendwas Anderem verlangen. Du fühlst dich im Alltag unsicherer. Wenn du irgendetwas machst, was nicht angemessen erscheint, kannst du (von der Polizei, A.d.R) angehalten werden und bekommst Probleme.

Dein Leben ist nicht länger mehr dein Leben. Es gibt Ermittlungen gegen Professoren unserer Universität, die an der Unterzeichnung dieses Friedensaufrufes beteiligt waren. Vor ein paar Tagen, als wir das Universitätsgelände betreten haben, kontrollierten die Sicherheitskräfte unsere Ausweise, das erste Mal seit Jahren. Einer der vielen kleinen Momente, die dafür sorgen, dass du dich seltsam fühlst und ängstlicher wirst.

Als queerer Mensch stehst du in der Türkei sicher unter mehr Druck als heteronormative Personen. Zum Beispiel in Bezug auf dein Erscheinungsbild. Wenn du rausgehst und nicht so angezogen bist, wie es normal ist, riskierst du, von anderen Leuten bedrängt zu werden.

„Je mehr du in den Standard passt, desto seltener passiert dir etwas.“

Weil diese gruseligen Leute immer mehr Macht bekommen denken sie, dass sie das Recht haben, dir hinterher zu pfeifen, dich anzustarren oder andere entsetzliche Dinge zu tun. Weil sie wissen, dass dir die Polizei vermutlich nicht helfen wird, wenn du zu ihnen gehst und erzählst, dass dich jemand belästigt hat. Natürlich ändert sich die Situation von Gegen zu Gegend. Ich bin vor 2 Jahren in diese Gegend gezogen, weil ich mich hier sicherer fühle. Als ich noch in einer eher konservativen Gegend gewohnt habe, wurde ich oft belästigt. Hier ist mir so etwas noch nie passiert. Aber abgesehen davon hasse ich den Stereotypen über Istanbul als gefährliche Stadt – es gibt keinen absolut sicheren Ort im Moment!

Was heißt normal?

Selbstverständlich hat Istanbul Nachteile, aber auch sehr viele Events und viel Solidarität. Die queere Community ist groß und wenn du weißt wo du hinmusst, kannst du sehr einfach neue Leute kennenlernen. Ich habe meinen Eltern nie erzählt, dass ich mich als queer identifiziere, meiner Schwester erst vor 3 Jahren. Ich musste es wenigstens einem Mitglied meiner Familie erzählen, weil ich mich sehr isoliert gefühlt habe. Es ist immer noch eine große Sache in der Türkei, die meisten Eltern haben keine Ahnung von diesen Dingen – oder sie ignorieren sie einfach. Ich habe ihnen schon so viele Signale gegeben, dass ich nicht heiraten möchte und niemals ein normales Leben führen werde. In dieser Hinsicht kennen sie mich schon. Ich lebe nicht mit ihnen zusammen, das macht es einfacher.

Polizei und Regenbögen

In den letzten 3 Jahren wurde die Pride Parade (Anmerkung: Christopher Street Day in Deutschland) von der Regierung verboten. Also versuchen wir unabhängig vom Umzug kleine Aktionen zu realisieren: Zum Beispiel malten wir Straßenzüge mit Regenbogenfarben an, umringt von Polizist*innen. Aber egal was du auch machst – du musst immer aufpassen und schauen, ob jemand euch schaden möchte. Wir haben durch die herrschende Situation viel gelernt, wirklich. Seit dem Referendum haben sich viele neue LGBTI+ -Gruppen formiert, sie organisieren politische Workshops, Lesungen und andere Events. Ich versuche, mich in Bezug auf Aktivismus mehr einzubringen, denn ich hasse es, mich nutzlos zu fühlen. Ich möchte hilfreich für andere und für mich selber sein, nicht nur in meiner eigenen, kleinen Welt leben.

Die Macht des Volkes

Es ist gerade eine schlechte Zeit für Demonstrationen – du wirst augenblicklich zum Terroristen erklärt. Unsere Aktionen müssen also kleiner und klüger sein. Manchmal hasse ich das alles und möchte nur noch abhauen, aber ich sollte bleiben. Nach den Gezi-Protesten hat die LGBTI+ Gemeinschaft tatsächlich etwas mehr Macht gewonnen, weil wir lernen mussten, wie man sich organisiert und sich vereinigt, wenn man überleben will. Das war, neben den ganzen schlechten Dingen die passiert sind, ein Lichtblick. Letzendlich sind die politischen Führer (dieser Welt, Anmerkung der Übersetzerin) keine Retter für mich – ich glaube eher an die Macht des Volkes.

Alexandra Breitenbach

In ihrem Projekt „İnsanlar | People“ portraitiert die Dortmunder Künstlerin Alexandra Breitenstein Personen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, z.B. KünstlerInnen, StudentInnen und AktivistInnen. Um die Anonymität zu gewährleisten, arbeitet sie mit experimentellen, fotografischen Techniken wie Langzeit- und Mehrfachbelichtungen. Kurze Interviews ergänzen die Fotografien und verdeutlichen, inwieweit die Menschen in ihrem täglichen, persönlichen Leben durch die staatliche und gesellschaftliche Repression beeinflusst werden. Neben zwei Ausstellungen in Dortmund ist das Projekt auch als mehrseitiger, englischsprachiger Folder erhältlich. Mehr Infos gibt’s hier.

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