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Gesellschaft & Geschichten

Eine Frage der Ehre – Das Berliner HEROES Projekt

Yılmaz Atmaca, einer von drei Gruppenleitern des Projekts »HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre«, öffnet uns pünktlich die Tür. Der Raum ist einem Wohnzimmer ähnlich und wir nehmen auf einem schwarzen Sofa Platz, vor uns steht ein großer Teller mit Keksen. In dieser Stube treffen sich Atmaca, Ahmad Mansour und Eldem Turan Woche um Woche mit jungen Männern, deren Familien einst aus aller Herren Länder nach Berlin kamen: aus der Türkei, dem Libanon, aus Albanien. Die Jungs eint das Bedürfnis, die patriarchalischen Strukturen in Frage zu stellen, mit denen sie aufgewachsen sind.

Um uns herum hängen Fotografien, die auf den ersten Blick wie Momentaufnahmen einer Abiturverleihung wirken: sie zeigen die Jungs, wie sie stolz und mit breitem Lächeln ein Zeugnis emporhalten. Tatsächlich handelt es sich bei der Auszeichnung in ihren Händen um das HEROES-Zertifikat. Die jungen Männer bekommen es, wenn sie sich reflektiert mit ihrer Interpretation von Ehre auseinandersetzen und sich darauf einlassen, auch Toleranz in diesen Begriff zu integrieren.

Um diese Toleranz zu erreichen, diskutieren sie seit sieben Jahren aus atheistischer, muslimischer und orthodoxer Sicht über das Tabuthema Ehre, ein Begriff, der in deutschen Medien nicht selten in einem Atemzug mit Mord genannt wird. Es ist genau die Ehre, die auch das Verständnis der türkischen Kultur und des Islams hierzulande negativ belastet.

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Türken, die ihre Ehre zu ernst nehmen und aus Tradition die türkische Frau dem türkischen Mann unterordnen – das klingt doch stark nach einem Klischee.
Ich kann dich verstehen, weil in unserer türkischen Kultur ein Ehrbegriff existiert, zu dem es hier in Deutschland kein Pendant gibt, nämlich die Familienehre »Namus«. Diese Ehre baut auf der sexuellen Unantastbarkeit der türkischen Frau auf, die zeitgleich auch Tochter, Schwester oder Cousine ist. Spätestens ab ihrer Pubertät sind Frauen dadurch einem enormen Druck ausgesetzt; sie leben in einem offenen Gefängnis, in dem sie auf jeden ihrer Schritte achten müssen. Damit bekommen Frauen ihre Entscheidungsfreiheit abgesprochen. Männer wiederum befinden sich allein durch ihr Geschlecht in einer privilegierten Situation. Diesem Machtgefüge liegt ein sehr steinzeitliches Ideal von Männlichkeit und Weiblichkeit zugrunde.

Ich möchte gar nicht behaupten, dass es allen Türken und Deutschtürken so geht, aber es gibt durchaus Familien, die das Denken ihrer Söhne mit dieser Angst vor dem Verlust der Ehre infiltrieren. Das ist ein Problem.

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Du selbst lebst seit 20 Jahren in Deutschland, bist in der Türkei groß geworden. War dir persönlich das Konzept »Namus« immer fremd oder musstest du dich selbst davon emanzipieren?
Ich wurde nicht so hart mit diesen schädlichen Strukturen konfrontiert wie manche der Jugendlichen, wusste aber natürlich schon früh, wie ein türkischer Mann zu funktionieren hat und welche Rolle eine türkische Frau zugewiesen bekommt: die Frau macht den Haushalt, erzieht die Kinder, kocht das Essen, betritt bestimmte Räume nicht, bedeckt sich und darf nicht alle Tätigkeiten ausüben. Mein Drang, diese Bilder zu hinterfragen, hat sich zufällig entwickelt. Mit sechzehn bin ich in das Theater gegangen, anfangs nur, um die Schule zu schwänzen.

Wie hat dir das Schauspiel geholfen, dein damaliges Weltbild in Frage zu stellen?
Durch die Stücke bin ich mir selbst auf Distanz begegnet, weil ich für ein glaubhaftes Schauspiel auch Gefühle widerspiegeln musste, die mir fremd waren. Mit der Zeit begeisterte ich mich für politisches türkisches Theater, in dem das System genau ausgeleuchtet wurde. Ich begriff, dass neben den Frauen auch Männer unter den vorherrschenden Missverhältnissen litten: Sie sie dürfen keine Schwäche zeigen, müssen als älteste Söhne Entscheidungen treffen, denen sie nicht gewachsen sind und müssen ihre Begierde unterdrücken.

Welches Bild von Ehre will denn das Projekt an diese jungen Männer vermitteln?
Wir möchten »Namus« nicht mehr in unserer Gesellschaft haben und den Begriff Ehre von der Unterdrückung, den Zwängen loslösen, die mit ihr einhergehen. Gewalttaten, die im Namen dieser Ehre noch immer geschehen, wollen wir die Grundlage entziehen. Es gilt, den klaren Widerspruch von Ehre und Gewalt gegen eine Frau bewusst zu machen.

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Warum ist das Projekt dann so offensichtlich Jungs vorbehalten?
Es gibt viele tolle Projekte, in denen Frauen eine aktive Rolle übernehmen, sich für ihre Rechte einsetzen. Kommt es zu einem Konflikt, sind aber Männer meist die Täter. Bei HEROES steigen Männer mit ein, hier sprechen auch sie laut für die Gleichberechtigung. Wichtig ist, dass Männer sich in dieser Gesellschaft neu positionieren. In unserem Projekt stellen sich Heranwachsende mit Namen wie Ali und Ahmad vor eine Schulklasse und sagen: Ich bin ein ehrenvoller Mann, aber ich definiere diese Ehre anders, als ihr es gewohnt seid. Ich habe Ehre, weil ich meine Schwester nicht unterdrücke, indem ich Frauen nicht beleidige, weil ich meine Zukünftige nicht herabwürdige. Unsere HEROES irritieren damit.

Zusätzlich habt ihr manchmal Mädchentreffs. Was berichten euch die Mädchen über die Unterdrückungen im Alltag?
Bei den Treffen mit unserer Gruppenleiterin sprechen die Mädchen offen über Probleme – und davon gibt’s eine Menge. Wir bringen den weiblichen Blickwinkel in unsere Rollenspiele und Diskussionen mit ein. Die Jungen begreifen, wie unterschiedlich Handlungen wahrgenommen werden können.

Du hast die Rollenspiele angesprochen. Warum sind sie als Methode hilfreich?
Die Jungen wählen in der Gruppe eines von drei Themen und gestalten dazu eine Szene ihrer Wahl. Beispielsweise ein Streitgespräch zwischen Bruder und Schwester. Der eine Junge spielt den Bruder, der im Namen der Ehre denkt und handelt, und der andere Junge spielt seine Schwester. Danach besprechen wir die dargestellte Situation. Wir fragen den Jungen, der die Schwester spielt: Wie war es für dich in deiner Rolle? Hast du dich respektiert gefühlt? Im Spiel fällt es den Jugendlichen leichter zu reden, sie geben unbefangen ihre eigene Meinung preis. Sie sollen das Erlebte selbständig fühlen und ihr eigenes Verhalten selbst bewerten.

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Glaubst du wirklich, dass ein Junge die neuen Perspektiven mitnimmt, wenn er wieder seine Rolle verlässt?
Man darf nicht vergessen, dass wir nur drei, vier Stunden in der Woche zusammen arbeiten, damit können wir nicht die Welt ändern. Aber wir beziehen ja auch ihre Schulen, ihre Lehrer und Mitschüler ein. Die Jungen moderieren hier die Rollenspiele und stoßen Diskussionen an. Dadurch verliert sich die Scheu vor dem Tabuthema Ehre und die Jungen lernen, offen für Gespräche zu sein. Das ist ein langsamer Prozess, und wir begleiten die Jugendlichen dabei. Zeitgleich sagen wir nicht: lehnt euch gegen eure Eltern auf, meidet den Kontakt zu ihnen oder sucht die Provokation. Wir bitten sie lediglich, Traditionen in Frage zu stellen, sich ein eigenes Urteil zu bilden und sich, wenn nötig, auch Fehler einzugestehen. Diese Fähigkeiten sind universell anwendbar und können ihnen über das Projekt hinaus nützen.

Wie lange dauert die Entwicklung zum Helden idealerweise, und wie lange brauchen die Jungs tatsächlich?
Wir beobachten, wie einige von Anfang an tief im Thema drin sind, während andere sich erst vorsichtig herantasten. Das sind langwierige Prozesse. Wir dachten, jede Gruppe würde innerhalb eines Jahres heldenhaft weiterziehen und für den nächsten Jahrgang Platz schaffen. So ist es nicht, die Jungen kommen nach ihrer Arbeit an den Schulen weiterhin gerne zu uns. Aus diesen Gründen haben wir uns von der Ein-Jahres-Regel verabschiedet. Manche kamen in der Oberstufe her und studieren heute. Wir sagen nicht: jetzt reicht’s! Sie können sich die Zeit lassen, die sie brauchen.

Wenn die Jungen den Workshop bewältigt haben und zertifizierte HEROES sind, dürfen sie auch selbst in Schulen Workshops leiten, vorausgesetzt, die Schulen fragen bei HEROES an. Zwei Jungs moderieren als Peers den Workshop und bringen anderen Jugendlichen durch Rollenspiele bei, was sie selbst in dem Projekt gelernt haben. Dadurch soll der alte Kreislauf durchbrochen werden und es sollen sich nachhaltige Strukturen etablieren. 

Hast du den Eindruck, dass sich durch HEROES etwas verändert oder eher das Gefühl, dass du mit jeder weiteren Generation von vorne anfangen musst?
Bei den Jungen, die wir mit unseren Methoden erreicht haben, hinterlassen wir definitiv Spuren. Gesamtgesellschaftlich sehen wir aber auch negative Entwicklungen, initiiert von Bewegungen, die nichts Gutes im Sinn haben. Alleine schaffen wir nur kleine Fortschritte, denn jede neue Generation, die aus patriarchischen Ländern hierher nach Deutschland kommt, trägt ihre eigenen Konflikte aus.

Besonders Pädagogen sollten unsere Materialien und Workshops nutzen. Es sind nicht zuletzt die Lehrer, die Jugendliche tagein, tagaus begleiten und ihr Gesamtbild prägen. Wir hegen die Hoffnung, dass der Wandel kommt. Für ein großes Umdenken bräuchte es aber mehr Einrichtungen und weitere Ansätze.

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Credits
Text: Genna-Luisa Thiele
Fotos: Michael Kuchinke-Hofer

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