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Gesellschaft & Geschichten

Afrotürken – Im toten Winkel der Geschichte

Die schwarze türkische Minderheit
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Als Barack Obama im April 2009 die Türkei besuchte, trat der Verein Afrikalılar Kültür ve Dayanışma Derneği (Verein für afrikanische Kultur und Solidarität) mit einer offiziellen Anfrage an ihn heran. Als Vertretung afrotürkischer Menschen wollte man den ersten Schwarzen Präsidenten der USA gerne persönlich zu einem Gespräch treffen. Bereits die Wahl Obamas im November 2008 war von den Vereinsmitgliedern gefeiert worden. Der Wunsch nach einem Treffen wurde nicht erfüllt, Aufmerksamkeit erregte der Vorgang damals dennoch.

Afrotürken – Eine fast vergessene Minderheit

Warum? Weil die Schwarze türkische Minderheit sich über Jahrzehnte hinweg kaum öffentlich geäußert hatte und viele Menschen – innerhalb wie außerhalb der Türkei – von ihrer Existenz und Geschichte wenig wissen. Und das, obwohl es durchaus einige bekannte Afrotürken gab und gibt. Wie zum Beispiel Esmeray, die in den 70er Jahren als Sängerin erfolgreich war. Oder Ahmet Ali Çelikten. Er war 1883 in Izmir als Enkel einer aus Bornu verschleppten Sklavin geboren worden und 1916 der zweite Schwarze Pilot der Weltgeschichte.

 

Dennoch: Dass und warum es eine Schwarze Minderheit in der Türkei gibt, wissen wenige. Um daran etwas zu ändern war 2006 – drei Jahre vor dem Obama-Besuch – Afrikalılar Kültür ve Dayanışma Derneği von Mustafa Olpak gegründet worden, zunächst mit Sitz in Ayvalık. Nach einer Attacke von radikalen Nationalisten wurde das Büro nach Izmir verlegt. Olpak, sicherlich der bekannteste afrotürkische Repräsentant der Gegenwart, starb am 3. Oktober 2016 im Alter von 63 Jahren. Sein Großvater war Ende des 19. Jahrhunderts aus dem heutigen Kenia nach Kreta, das damals zum Osmanischen Reich gehörte, verschleppt und dort als Sklave ausgebeutet worden. Nach seiner Freilassung ließ er sich in der Türkei nieder, wie auch viele seiner Leidensgenossen. Mit der Gründung der Republik 1923 wurden dann aus ehemaligen Sklaven türkische Staatsbürger.

Über die Anzahl der heute in der Türkei lebenden Nachfahren existieren unterschiedliche Auffassungen, die Schätzungen reichen von 5000 bis 200 000. Tatsache ist, dass insbesondere an der türkischen Westküste viele Afrotürken seit Generationen leben. Ayşegül Kayagil ist Doktorandin an der New School for Social Research in New York und erforscht die gegenwärtige Lebenssituation afrotürkischer Menschen und wie diese ihre Identität verhandeln. Sie erklärt, dass keine belastbaren Zahlen darüber existieren, wieviele Schwarze Türken es gibt, da dies in Volkszählungen nicht berücksichtigt werde.

„Ich bin Mustafa Olpak. Ich bin die dritte Generation.“

Olpak veröffentliche 2005 mit „Kenya-Girit-İstanbul: Köle Kıyısından İnsan Biyografileri“ („Kenia-Kreta-Istanbul: Biografie der Küsten-Sklaven“) ein Buch über die Geschichte seiner Familie. Auf Grundlage des Buches produzierte der Fernsehsender TRT den Film „Arap Kızı Camdan Bakıyor“ (englischer Titel „Baa Baa Black Girl“), der 2007 auch auf dem Zanzibar International Film Festival gezeigt wurde. In den Jahren vor seinem Tod arbeitete Olpak, der gelernter Steinmetz war, gemeinsam mit verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen daran, die Geschichte Schwarzer Menschen in der Türkei bekannt zu machen – und weiter zu erforschen.

„Die erste Generation erlebt, die zweite leugnet und die dritte erforscht“

Denn auch viele Afrotürken wissen wenig über die Herkunft ihrer Vorfahren. Gesprochen wird Türkisch, auch sonst gilt die afrotürkische Minderheit als assimiliert. Olpaks Buch beginnt mit den Worten: „Birinci kuşak yaşar, İkinci kuşak reddeder, Üçüncü kuşak araştırır… Ben Mustafa Olpak. Ailemin üçüncü kuşagıyım. Benim dedem, ninem bir köleydi.“ („Die erste Generation erlebt, die zweite leugnet und die dritte erforscht… Ich bin Mustafa Olpak. Ich bin die dritte Generation. Mein Großvater und meine Großmutter waren Sklaven.“)

Neben der Erforschung der Herkunft ist Anerkennung ein Anliegen des Vereins. Olpak und seine Mitstreiter haben immer wieder betont, dass die Türkei ihre Heimat sei. Doch in der türkischen Gesellschaft, in der „weiß“ als Norm gilt, werden Schwarze Menschen und People of Color oft als vermeintlich „fremd“ oder „nicht-türkisch“ eingeordnet. Şakir Doğuluer – seit dem Tod Mustafa Olpaks neuer Präsident von Afrikalılar Kültür ve Dayanışma Derneği – beschreibt dies im Gespräch mit der Zeitung Die Welt folgendermaßen: „Dass in der Türkei aus Afrika stammende Türken leben, weiß die Mehrheit nicht. Deshalb werden wir in den Städten für Fremde gehalten. Diese Schwierigkeiten erleben wir täglich.“

„Es gibt kaum Bereitschaft über die Geschichte von Sklaverei zu sprechen. Geschweige denn, wenn es um das Osmanische Reich geht“

Der Fotoband „Afro Turks“

Einer, der mit Olpak in dessen letzten Lebensjahren zusammengearbeitet hat, ist der niederländisch-türkische Fotograf Ahmet Polat. Aus der Kooperation entstand unter anderem der 2010 erschienene Fotoband „Afro Turks“. Polat sagt im Gespräch über diese Arbeit, er habe das Wissen über die Existenz der Schwarzen Minderheit in der Türkei in den Mainstream bringen wollen. Heute ist er ernüchtert. „Es gibt kaum Bereitschaft über die Geschichte von Sklaverei zu sprechen. Geschweige denn, wenn es um das Osmanische Reich geht“, sagt er. So bleibt die Geschichte der Afrotürken in einem toten Winkel gefangen.

Weg von Klischees

Dabei ist die Geschichte des Osmanischen Reiches und damit der Türkei kaum zu verstehen, ohne dabei auch die Sklaverei in den Blick zu nehmen. Diese wurde jahrhundertelang im Osmanischen Reich praktiziert. Doch bis zum 19. Jahrhundert dominierte der Sklavenhandel mit Menschen aus dem Kaukasus und vom Balkan. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es dann im Osmanischen Reich zum Verbot dieses Sklavenhandels. Das führte zu einem Anstieg des Handels mit Menschen aus Afrika. Historiker gehen davon aus, dass zwischen 1860 und 1890 jährlich 10 000 Menschen vor allem aus den Gebieten des heutigen Kenias, Somalias und des Sudans deportiert wurden.

Ayşegül Kayagil sagt, lange seien Afrotürken von der türkischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und wenn, dann klischeehaft als „nett und exotisch“ dargestellt worden. Doch in den vergangenen Jahren sei etwas in Bewegung geraten. Es habe sich, so Kayagil, eine afrotürkische Identität herauszubilden begonnen. Dazu gehöre auch die Etablierung der Selbstbezeichnung „Afro-Türkler“ („Afrotürken“) als Alternative zu dem vorher in der Regel gebrauchten Begriff „Arap“ („Araber“).

Ebenfalls Teil dieser Entwicklung sei, so Kayagil, dass seit 2006 das Frühlingsfest Dana Bayramı (Kalbfestival) wieder gefeiert wird. Diese Tradition war zunächst bis in die 50er Jahre gepflegt worden, danach ist sie in Vergessenheit geraten. Während zu osmanischen Zeiten ein Tieropfer zu Dana Bayramı gehörte, ist das Event heute eine unblutige Angelegenheit. Hier kommen Afrotürken und andere zusammen um drei Tage lang gemeinsam zu feiern. In den vergangenen Jahren gab es Livemusik, Podiumsdiskussionen, gemeinsamen Tanz und ein Picknick.

Şakir Doğuluer und die Vereinsmitglieder sind nun dabei, das inzwischen 11. Kalbfestival vorzubereiten, das vom 12. bis 14. Mai in Izmir stattfinden soll.

Text: Nelli Tügel
Fotos: Ahmet Polat

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