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Gesellschaft & Geschichten

Zwei Namen

Du bist, wie du heißt.

Du bist, wie du heißt: In Deutschland bedeutet der Name viel. Einwandererkinder stellt das vor Herausforderungen.

Eigentlich habe ich zwei Vornamen – einen „deutschen“ und einen „türkischen“. Und eigentlich ist auch mein Nachname „türkisch“. Ich habe ihn von meinem Vater, der Ende der 1970er Jahre zuerst in die Bunderepublik und später in die DDR einwanderte. Mit dem Nachnamen gab es noch nie Probleme. Denn: Er existiert auch im Deutschen und klingt maximal unausländisch.

Türkische Bürokratie Das ist allerdings ein Zufall der Geschichte: Im Jahr 1934 ordnete Republikgründer Atatürk eine Namensreform an, die besagte, dass alle Bewohner der Türkei sich einen Nachnamen zuzulegen haben. Auch in das Heimatdorf meines Dedes kam daraufhin ein Behördenvertreter, der die selbstgewählten Namen aufschreiben sollte. Meine Urgroßeltern diktierten ihm etwas, das sicher nicht „Tügel“ war – was es war, weiß heute allerdings keiner mehr. Doch der Beamte konnte – so jedenfalls die Legende – nicht richtig schreiben und notierte den Namen falsch.

Jahrzehnte später dann nahm mein Großvater zudem in Istanbul das Angebot wahr, das „oğlu“-Suffix streichen zu lassen. Sonst hieße ich heute Tügeloğlu – und mein Leben wäre sicherlich etwas anders verlaufen.

Da ich meinen zweiten Vornamen verstecke, gehe ich mit einem unverdächtigen “Kartoffel-Namen” durchs Leben. Und darüber bin ich froh. Denn in Deutschland wirken bestimmte Namen wie Stigmata.

Sie prägen den ersten Eindruck eines Menschen und ziehen Vorurteile und oft auch Benachteiligungen nach sich. Das kennen nicht nur Einwandererkinder, sondern zum Beispiel auch Menschen, die Kevin oder Mandy heißen.

Freilich wirken nicht alle Namen nicht-deutscher Herkunft gleich. Skandinavische Vornamen wie Lasse oder Svea haben in bestimmten Milieus – eher Berlin Prenzlauer Berg als Marzahn-Hellersdorf – Hochkonjunktur. Doch kaum jemand, der nicht irgendeinen persönlichen Bezug dazu hat, würde sein Kind Ayşe oder Fatma, Kerem oder Özgür nennen.

Und diejenigen, die es wagten, versuchen, Strategien zu entwickeln, um mit den auf sie niederprasselnden Vorurteilen zurechtzukommen. So wie die deutsch-türkische Familie, die im Juni 2015 vor dem Verwaltungsgericht Braunschweig mit dem Versuch scheiterte, ihren „ausländisch klingenden“ Nachnamen ändern und auf den deutschen Namen der Mutter umsteigen zu dürfen. Die Eltern argumentierten damit, dass der türkische Nachname zu Diskriminierungen ihrer Kinder in der Schule geführt habe.

Andere machen es wie ich – und verstecken, wenn sie es denn können, ihre(n) Namen. Das ist wahnsinnig praktisch. Es erspart Nachfragen und Sprüche, die zwar verständlich, aber in geballter Ladung und jeden Tag einfach schwer zu ertragen sind: Woher kommt denn dieser Name? Was bedeutet er? Wie genau schreibt man ihn? Das kann ich eh nicht aussprechen…

Ich nenne dich einfach mal soundso, das ist doch sicherlich okay!

Du sprichst aber gut Deutsch! Wer nun denkt, ich möge übertreiben, dem sei folgendes Beispiel genannt: Ich habe den Fehler gemacht, bei meiner Telefongesellschaft meinen vollständigen Vornamen anzugeben. Dies führte kürzlich zu folgendem Gespräch mit einem Techniker: „Ich werde nicht da sein können, mein Vater ist so nett und kommt vorbei, um sie dann hereinzulassen“, erklärte ich. „Hmm, naja – ich hoffe, ihr Vater versteht mich dann auch? Ich meine, sie wissen schon…“

Ja, ich wusste schon. Ein türkisch klingender Name – und schon läuft ein ganz bestimmter Film ab.

Es gibt viele toughe Menschen mit Migrationsvordergrund, die trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb – oder, weil sie einfach keine andere Wahl haben – zu ihrem Namen stehen. Die entweder geduldig darüber hinwegsehen, wenn die Mehrheitsgesellschaft mal wieder an einem yumuşak g scheitert, aber die endlosen Bezeichnungen irgendwelcher Behördenverordnungen ohne Probleme runterbeten kann. Oder wenn ein Bundesminister (wie hieß er noch? Heike?) es auch nach Monaten medialer Omnipräsenz immer noch nicht auf die Reihe kriegt, den Namen Yücel halbwegs korrekt auszusprechen.

Und wieder andere sind wütend und zeigen das auch. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Denn die Botschaft der Verhohnepiepelung oder Ignoranz unserer Namen ist am Ende: Irgendwie gehört ihr doch nicht hierher, zumindest nicht mit diesen Namen. Natürlich ist es nicht das, was die meisten Menschen im Sinn haben, wenn sie interessiert nach der Herkunft eines Namens fragen oder entschuldigend mit den Schultern zucken, weil sie an der Aussprache scheitern – aber dass etwas ganz anders ankommen kann als es vielleicht gemeint war, ist ja nichts Neues.

Titelbild von MichaelJayBerlin in einer Kooperation von Shutterstock.de

 

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