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Gesellschaft & Geschichten

Das homoerotische Osmanische Reich

Die Queer-Bewegung in der Türkei versteht sich als Emanzipationsbewegung und legt den Fokus vermehrt auf mehrdimensionale Diskriminierung. Sie konzentriert sich jedoch nach wie vor allem in Istanbul. Dies ist in erster Linie historisch begründet. Werfen wir einen Blick zurück ins Osmanische Reich.

Eine Stadt sexueller Freiheiten und Anziehungspunkt für viele osmanische Homo- und Transsexuelle: Istanbul.

Magnus Hirschfeld, deutscher Sexualwissenschaftler und Mitbegründer der ersten Homosexuellen-Bewegung, bezeichnet im Jahr 1914 Istanbul als Heimat einer europäischen Schwulenkolonie. Schon damals existieren dort historische Stätten homosexueller Vergnügungen: „Ottomanische Bank“ heißt ein berühmtes Männerbordell. Auch europäische Schwule gehen hin, um sich mit osmanischen männlichen Prostituierten zu treffen.

Verschiedene Quellen veraten, die Besucher haben dabei keine Angst vor Anzeigen, Verfolgung oder Gefängnisstrafen. Möglich wird diese Freiheit durch das untadelige Osmanische Reich. Anfang der 1900er Jahre sind dagegen gleichgeschlechtliche Beziehungen in Deutschland, Frankreich und England beispielsweise strafbar.

„Im Bade wird dir das sonst durch die Hosen Verborgene sichtbar. Auf zum Betrachten! Gucke mit nicht abgelenkten Augen“ – Abu Nuwas (Persischer Dichter des 8. Jh)

Homosexuelle Liebe in der islamischen Literatur

Selbst in der islamischen Literatur sind eine ganze Reihe von Texten zu finden, die sich mit Erotik und (gleichgeschlechtlichem) Sex befassen. Somit ist die homosexuelle Liebe ein Teil der islamischen Geschichte. Für Rumi, Hafiz und Abu Nuwas und hunderte andere Lyriker gehörten homoerotische Verse so selbstverständlich zu ihrer Dichtkunst, weil homoerotische Beziehungen in der islamischen Welt des 8. bis 18. Jahrhunderts in einem Maße akzeptiert sind, von dem man im christlichen Abendland nur träumen kann.

Eigentlich, sollte man meinen, ist Sex keine komplizierte Angelegenheit, aber sobald er anfängt, Spaß zu machen, wird er im religiösen Kontext oft zu einer fluchwürdigen Sünde deklariert – insbesondere, wenn es sich um gleichgeschlechtlichen Sex handelt. Doch der „Schwulenhass“ ist in der islamischen Geschichte noch relativ neu. Mehr als tausend Jahre lang geht der Islam relativ tolerant mit Homosexuellen um. So auch das Osmanische Reich.

Der europäische Einfluss im 19. Jahrhundert

Prostitution junger Männer im osmanischen Reich ist legalisiert, sie müssen lediglich Steuern für ihre Sexarbeit zahlen. Mit der Europäisierung geht die Unterdrückung der Homo- und Transsexualität einher. Schlussendlich findet in der Endphase des Osmanischen Reiches eine ganzheitliche Umstrukturierung wichtiger Bereiche der Gesellschaft statt.

So etabliert sich das europäische Konstrukt einer Nation bzw. des Nationalstaats. Somit wird auch das Konzept der monogamen, bürgerlichen Ehe übernommen.

Homosexuelle Beziehungen im Osmanischen Reich gelten als „normal“. Erst mit dem Einsetzen der Verwestlichung werden sie als „abnormal“ betrachtet.

Die Fortsetzung dieser gesellschaftlichen Umstrukturierung wirkt sich auch nach der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 negativ auf das Leben von queeren Menschen aus. Man könnte behaupten, mit der Geschichte der Europäisierung der Türkei beginnt auch die Geschichte der Diskriminierung der LGBTQIA+. Gleichzeitig entstehen zur selben Zeit in Europa die ersten Queer-Bewegungen, die sich für die Abschaffung homophober Gesetze einsetzen.

„Die Türkei ist ein schizophrenes Land, das Transvestiten wie den Sänger Zeki Müren vergöttert, aber normale Schwule verachtet.“ – Barbaros Sansal (Türkischer Modedesigner)

Diskriminierung von LGBTQIA+-Personen in der Türkei fußt also nicht auf einer jahrhundertealten Tradition, sondern ganz im Gegenteil: Sie ist eine „moderne“ Entstellung.

 

Text: Berivan Kaya
Illustration: Yasmin Anılgan

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